Lieder, Lieder, nochmal Lieder
und das beinahe verlorene Universum der Klänge
Vom Schmetterling zur Stubenmotte
Ich weiß nicht, ob es ihnen je aufgefallen ist, denn die offensichtlichsten Dinge sind ja oft die unsichtbarsten, aber das musikalische Spektrum unserer Gesellschaft ist während der letzten Jahrzehnte ärmer geworden – dramatisch ärmer. Aus einem einst zauberhaft farbenfrohen Schmetterling wurde heute gleichsam eine farblose Stubenmotte.
Musik … ach, was bist Du eigentlich ein Ozean der Phantasie und Spiegelbild menschlicher Schöpferkraft!
Ein Kosmos aus Formen und Welten
Ein geradezu unendliches Panorama, ein buntes Kaleidoskop der Möglichkeiten. Das war sie einst, die Welt der Musik. Die Menschheit genoss Klaviermusik, Orgelmusik, kirchlich-sakrale Musik, Volksmusik, Blasmusik, symphonische Musik, Bühnenwerke, Weltmusik. Und jede dieser Kategorien atmete aus einem Dutzend Unterkategorien: Fugen, Kantaten, Requiems, Sonaten, Fantasien, Etüden, Konzerte, Märsche, Symphonien, Operetten, Lieder, Tänze usw.
Auch nährte sich die Inspiration der Gegenwart stets gern aus früheren Epochen – aus der Antike, der Frühzeit, dem Mittelalter, dem Barock, der Klassik, der Romantik, der Spätromantik und der Moderne. Doch nicht nur aus den Epochen, sondern auch aus den verschiedenen Kontinenten mit völlig eigenen Klangwelten – aus dem geheimnisvollen Orient, dem exotischen Indien oder dem fernen China, aus dem lebensfrohen Südamerika, der farbenfrohen Karibik oder dem wilden Afrika.
Die Musik ist eines der reichhaltigsten Experimentierfelder der Welt mit grenzenloser Vielfalt: Denken Sie nur an die Varietäten lateinamerikanischer Tänze – vom argentinischen Tango bis zum kubanischen Salsa. Es gibt buchstäblich hunderte. Andere Genres, die einst dominant waren, sind heute im Nebel der Vergessenheit entschwunden wie etwa die Zirkusmusik. Oder rufen wir uns kurz die Begleitmusik der Stummfilm-Ära zurück: Da saß ein Organist im Filmtheatergraben unterhalb der Leinwand und spielte live zum vorgeführten Film – teilweise mit fantastischen Effekten. Ein ganzes Genre, von dem die Mehrheit heute nicht einmal mehr weiß, dass es existierte.
Dann gibt es Dutzende (!) Tonleitern und Skalen – außer Dur und Moll: Kirchentonarten, die Zigeuner- oder die japanische Tonleiter usw. Dann ein Dutzend Taktarten sowie Mischungen daraus (der russische Komponist Modest Mussorgski etwa notierte in seinen „Bildern einer Ausstellung“ für jeden Takt eine andere, neue Taktart).
Die Explosion im 20. Jahrhundert
Im Anschluss an die monumentale Spätromantik ab etwa 1900 bis 1920 erlebten wir eine regelrechte Explosion der Genres. Da gab es den Impressionismus, den Jazz, den Swing – die große Zeit der US-amerikanischen Big-Bands und der Broadway-Musicals. Damals entstanden auch interessante Mischformen. Man erinnere sich nur an die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin, die Blues, Jazz und Sinfonisches verbindet.
Mit der Entwicklung elektrischer Instrumente nahm die Entwicklung neuer Genres noch einmal Fahrt auf: Rhythm & Blues (R&B), Rock ’n’ Roll, Pop, Disco und moderne Rockströmungen usw. Nach der elektrischen Revolution erlebte die Musikwelt eine elektronische, noch später eine digitale Revolution mit abermals neuen Gattungen.
Der langen Rede kurzer Sinn: Musik bietet uns eigentlich eine Myriade von Möglichkeiten. Eine „Myriade“ ist eine unzählbar große Menge – wie beispielsweise die Menge der Sterne im Kosmos. Und so viele Sterne am Himmel funkeln, so viele Möglichkeiten bietet die Musik.
Die verlorene Welt
Und damit setzt unser musikalisches Raumschiff nun zur Landung auf der Erde an. Steigen wir aus und schalten das irdische Radio ein. Was hören wir?
Lieder, Lieder und nochmal Lieder, neudeutsch „Songs“ genannt. Als gäbe es keine andere Musikform mehr auf der Welt.
Nun, zugegeben: Vereinzelte Sender spielen Sonderkategorien für spezielle Zielgruppen wie Klassikliebhaber, Ältere, Hausfrauen und Jugendliche. Das war’s dann aber auch! Das ist das Restspektrum, auf das Musik heutzutage reduziert wurde – eindeutig dominiert vom Lied.
Aber nicht nur vom bloßen Lied, sondern vom Lied, das ziemlich exakt drei Minuten lang ist, im Vier-Viertel-Takt-gespielt wird und mit meist vier Grundakkorden der Dur- oder Moll-Skala auskommt – formatiert, standardisiert und kulturell verarmt.
Vier Akkorde – und der Rest der Welt
Die Sache mit den vier Akkorden ist übrigens kein Witz: Ed Sheeran demonstrierte das vor einigen Jahren live während einer Fernseh-Show: Die Moderatoren durften sich einen x-beliebigen Welthit wünschen, und Ed spielte ihn dann mit vier immer identischen Akkorden.
Vergleichen wir das einmal mit dem extravaganten „Supper‘s Ready“ der alten Genesis: Das Lied besteht etwa zu drei Vierteln aus reiner Musik (ohne Gesang) – fast 23 Minuten lang. Im Verlauf werden die Taktarten gewechselt, mit einem fulminanten Teil in 9/8. Peter Gabriel scheint, nebenbei, einer der wenigen zu sein, die außer dem 4/4-Takt noch andere Taktarten kennen. Sein bekanntes „Solsbury Hill“ etwa wird im 7/4-Takt gespielt.
„Stairway to Heaven“ ist acht Minuten lang – ein Großteil ist Musik, kein Gesang. „Bohemian Rhapsody“ ist 6 Minuten lang und umfasst einen interessanten musikalischen Streifzug durch mehrere Stilarten.
Doch was ist heute aus der Musik geworden: Nebensächliches Begleitwerk fürs Lied. Und was der Musik widerfuhr, wurde auch dem Text zuteil. Wir hören heute nichtssagende Texte über belangloser Musik.
Wenn Sie mich fragen: Die Degeneration der Musik spiegelt die Degeneration der Kultur und der Gesellschaft als Ganzer wider.
Nun, mit einem Lied an sich ist nichts verkehrt. Aber es ist nur eine Kunstform unter Hunderten!
Hier zwei Beispiele dafür, wie es klingt, wenn ein Lied nicht im 4/4-Takt geschrieben wird. Das erste „I am a Little Bit“ ist im 5/4-Takt, das zweite „Carry the Light“ im 9/8-Takt. Viel Freude damit :-)
Lyrics and Music © by Mike
I Am a Little Bit
Carry the Light
Der Schlüssel liegt noch neben dem Käfig
Aus allen Gattungen, Instrumenten, Ländern und ihren Traditionen, Epochen, Harmonien, Tonleitern, Takten und Rhythmen sowie modernen Elementen ließen sich buchstäblich Abermillionen Klangwelten erschaffen. Musik könnte uns in ferne Länder entführen, in ferne Welten, sie könnte unsere Gefühlswelt beleben und unseren Horizont erweitern.
Doch heute wurde aus Vielfalt Einfalt. Aus einem Spektrum eine Schablone. Aus einer bunten Blumenwiese ein englischer Rasen.
Dabei ist diese reiche Welt der Musik nicht wirklich verschwunden. Sie wurde nur aus dem Blickfeld gedrängt. Wer sucht, kann sie jederzeit wiederfinden.
Ich selbst versuche mit meiner Musik, aus dieser reichen Welt zu schöpfen.
Moderne Musik ist also nicht wirklich zu einem kleinen Käfig geworden – die Menschen, die „Musikkonsumenten“ (wie man sie heute schrecklicherweise nennt), die Hörer also, scheinen bloß aufgehört zu haben, den Schlüssel zu benutzen.
Mit anderen Worten: Das Raumschiff steht noch da. Die meisten Menschen gehen nur nicht mehr hinein.
Wer es aber tut, entdeckt: Echte Musik ist keine Alltagsuntermalung, kein Lockstoff, um die Kundschaft bis zur nächsten Werbung bei der Stange zu halten, keine billige Nebenbei-Unterhaltung im Supermarkt zur Förderung des Umsatzes, kein Raumfüller zur Vermeidung der Stille, keine akustische Tapete, und auch kein blumiges Hintergrundgeplätscher auf der Damen-Toilette teurer Restaurants.
Musik als Reise des Geistes
Sondern: Musik ist eigentlich eine Reiseform des Geistes in andere Universen – nicht zuletzt in die Universen anderer Menschen. Die einzigen Universen übrigens, die wirklich real sind. Musik macht fühl- und erfahrbar, was mit Worten sonst nicht zu beschreiben ist.
Ein neues Erleben
Echte Musik ist also wichtig. Sie weckt in uns Erinnerungen an unser ewiges geistiges Zuhause … weshalb ich meine Musik auch „Musik von Zuhause“ nenne. Mit dieser Einstellung befinde ich mich in bester Gesellschaft.
Denn selbst Plato betonte schon die Bedeutung der „mousikē“. Ein berühmter Gedanke von ihm bezeichnet die musikalische Erziehung als die wichtigste von allen, „weil Rhythmus und Harmonie am tiefsten in die Seele eindringen“. Er war überzeugt, dass Musik den Charakter formt, Ordnung und Harmonie im Inneren erzeugt, das Gefühl für Maß, Proportion und Schönheit entwickelt. In der Musik verbindet in sich gleichzeitig Kreativität, Spiel, Mathematik, Rhythmus, Proportion, Ästhetik, Ausdruck, Emotion, Sprache, Erinnerung, Motorik – und sogar noch etliches mehr.
Wenn dieser Artikel Sie dazu einladen konnte, einmal bewusst Musik zu hören, hat er seinen wichtigsten Zweck bereits erfüllt. Setzen Sie sich doch abends einmal zuhause in aller Ruhe in den Sessel, schalten Sie statt der drögen Flimmerkiste die Stereoanlage an – tauchen Sie in eine neue musikalische Klangwelt ein, und bald werden Sie merken: Lieder sind nicht alles!
Sie sind nur ein eigentlich kaum wahrnehmbar kleiner Bruchteil des unendlichen musikalischen Kosmos, ein einziger Stern unter Millionen. Die Welt der Klänge ist reichhaltiger, als das Radio uns weismachen möchte.
Ihr MiKe